„Wir haben Christum nit also gelernet!“

Von Hot-Spots, Learning-Tours und Sicherheit durch Waffen

von Hanspeter Jecker, März 2018

Seit seiner Gründung im Jahr 1950 ist das Bildungszentrum Bienenberg in Liestal eine Institution, die – unter wechselnden Namen und mit unterschiedlichen Programmen – biblisch-theologische Studien in täuferisch-mennonitisch-friedenskirchlicher Perspektive anbietet.

 

Bienenberg und Täufer

In den letzten Jahrzehnten hat diese Akzentsetzung weit über die eigenen Kreise hinaus Beachtung und Interesse geweckt. Immer mehr ist darum „der Bienenberg“ in der Vergangenheit auch zu einer Anlaufstelle für eine breitere Öffentlichkeit geworden, wenn es – etwa im Kontext der aktuellen Reformationsjubiläen – Fragen zu Theologie, Geschichte und Gegenwart täuferisch-mennonitischer Kirchen zu beantworten galt. Das hat dazu geführt, dass dieser Arbeitszweig ein eigenes Profil erhalten hat, welches das traditionelle Kerngeschäft des Bienenbergs, den biblisch-theologischen und gemeindepraktischen Unterricht, in willkommener Weise ergänzt. Die Fachstelle für täuferische Theologie und Geschichte des Täufertums versucht seither diesen Themenkreis mit einer speziellen Fokussierung noch besser abzudecken. 

 

Learning Tours zur Täufergeschichte

Zu den Aufgaben der Fachstelle gehört unter anderem auch die Beratung von Einzelpersonen und Gruppen, welche an den von uns angebotenen täufergeschichtlichen Exkursionen (vgl. Täufertour 2018) teilnehmen, oder solche selber planen und durchführen möchten.

Am meisten Interesse besteht naturgemäss an „Learning–Tours“ zu den Hot–Spots täuferischer Geschichte: Etwa zu den Schauplätzen der Anfänge des Schweizer Täufertums in der Zürcher Altstadt im Kontext der Reformation rund um Ulrich Zwingli. Oder ins Schaffhausische, wo 1527 mit den berühmten „Schleitheimer Artikeln“ ein theologisches Grundlagendokument formuliert worden ist. Sehr beliebt sind auch Ausflüge zu Zentren und Symbolen der obrigkeitlichen Repression wie Schloss Trachselwald im Emmental oder zu täuferischen Verstecken wie die Täuferhöhle bei Bäretswil oder das „Geisskirchli“ im Jura, oder zu Rückzugsgebieten und Zufluchtsorten wie die Freiberge oder der Sundgau.

Was den Bienenberg dabei auszeichnet, das ist seine geographische Lage im Dreiländereck von Frankreich, Deutschland und der Schweiz: All diese historischen Hotspots in Nord, Süd, Ost und West sind von hier aus in weniger als zwei Stunden erreichbar.

 Zürich Altstadt

Zürich Altstadt

 Täuferhöhle Wappenswil im Zürcher Oberland

Täuferhöhle Wappenswil im Zürcher Oberland

 Kerker Schloss Trachselwald

Kerker Schloss Trachselwald

 

Täufer und "Sicherheit durch Waffen"

Erst in den letzten Jahren ist dank eigenen Recherchen der Forschungsstelle deutlich geworden, in welchem Ausmass auch der Bienenberg selbst inmitten einer täufergeschichtlich hochspannenden Umgebung liegt.

Als in den 1770er Jahren die Basler Obrigkeit besorgt feststellt, dass die Zahl der „Wiedertäufer“ auf dem eigenen Territorium wieder stark zunehme, erweist sich der Raum Liestal als eines der Zentren dieser Zuwanderung. Fast alle Bauernhöfe der Region werden gegen Ende des 18. Jahrhunderts von ursprünglich meist aus dem Bernbiet stammenden Täufer–Familien bewirtschaftet, die vor allem aus älteren Asylregionen wie dem Jura, dem Neuenburgischen, dem Elsass und dem Breisgau zugezogen sind. (Vgl. dazu auch den Roman von Werner Ryser „Die Revoluzzer“ und die Autoren-Lesung auf dem Bienenberg vom 22. März 2018!)

Für Ortskundige seien hier die wichtigsten dieser „Täuferhöfe“ rund um den Bienenberg aufgelistet: Alt– und Neu–Schauenburg, Röseren, Rosenberg, Goldbrunnen, Talacker, Sichtern, Wanne, Gräubern, Schillingsrain, Hasenbühl und Ostenberg. (Vgl. zum Ostenberg)

Bewirtschaftet wurden diese Bauerngüter um 1800 von den Familien Aeschlimann und Moser von Rüederswil; den Amstutz aus Sigriswil; den Augsburger, Hofer, Neuenschwander und Röthlisberger von Langnau; den Bösiger von Rumisberg; den Gyger von Eriz; den Küpfer von Sumiswald; den Ledermann von Lauperswil; den Liechti von Biglen; den Nussbaumer aus Lüterkofen/SO; den Ramseyer und Wüthrich von Trub; den Schrag aus Wynigen; den Schwaari von Schwarzenegg; den Steiner von Signau; den Thut von Seengen/AG; und den Wüthrich von Trub.

 Schwert und Christus-Nachfolge?

Schwert und Christus-Nachfolge?

Viele dieser Familien sind im Verlauf des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika ausgewandert, zum Teil aus wirtschaftlicher Not, zum Teil weil sie der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht ausweichen wollten. Es gibt aber bis heute im Baselbiet noch zahlreiche Nachkommen dieser frühen Täuferinnen und Täufer – allerdings wissen die wenigsten etwas von diesen Hintergründen ihrer Herkunft!

Nach der Repression des Täufertums im 16. und 17. Jahrhundert auch im Baselbiet, welche bis 1700 zu dessen vollständiger Austreibung geführt hatte, war nun die politische und kirchliche Obrigkeit durch diese täuferische Immigration erneut herausgefordert.

Im Umfeld von Aufklärung und Französischer Revolution waren aber beispielsweise nicht mehr alle Pfarrer bereit, frühere Vorurteile unbesehen zu übernehmen. 

So schrieb der reformierte Pfarrer Bleyenstein aus Läufelfingen im August 1777, dass gemäss seiner Überzeugung „diese Wiedertäüffer nicht alle die Irrthümer, so ihnen in unseren Büchern zugeschrieben werden“, effektiv aufweisen.

Und Pfarrer Fäsch aus Frenkendorf scheint durchaus beeindruckt zu sein vom Einbezug aller Gemeindeglieder in den Ablauf des täuferischen Gottesdienstes, wenn er im Dezember 1777 schreibt:

"Sie haben ihre ordentlichen Lehrer wie wir und lesen in ihrer Versammlung zwei Kapituls aus der Bibel, singen und beten auch, und ihre Lehrer, derer gemeiniglich zwei sind, lehren einzig und machen über das gelesene Wort ihre Anmerkungen nach ihren Begriffen. Und allemal zu Ende des Gottesdienstes muss das Volk sein Zeugnus geben, ob sie glauben, dass dasjenige, welches ihre Lehrer über das gelesene Wort angemerkt, dem Sinn des Worts gemäss seye!"

Hauptknackpunkt auch für die Basler Obrigkeit um 1800 im Verhältnis zu den Täufern war einmal mehr die Frage des Militärdienstes. Bereits 1527 hatte der Baselbieter Hans Seckler aus Lausen die täuferische Position programmatisch auf den Punkt gebracht:

«Ach ewiger Vatter,
waß werend wir für Christen, wan wir eß rächen wetten an denen, so uns verfolgen.
Wir haben Christum nit also gelernet,
dass wir sollen Argeß und Besseß dun denen, so uns leytz duont,
suonder wir sellen ihnen Guotz duon.
Daß wend wir ouch tun, diewil wir leben.»

Die Akten zeigen, dass die zeitgenössischen Regierungen auch fast 300 Jahre später kein Verständnis zeigten für diese täuferische Überzeugung. 1805 heisst es in einem Gutachten an die Basler Regierung,

„dass eine Obrigkeit niemals einen Glauben anerkennen könne, durch dessen Verbreitung ihre Sicherheits– und Policey–Anstalten, welche auf Waffen beruhen, gefährdet werden dürfte. Wenn nun die Wiedertäuffer von dem Militair befreyet würden, wie leicht könnte nicht mancher ihrem Glauben beyfallen, damit er einer gleichen Begünstigung theilhafftig würde.“

Bezeichnend ist auch die Aussage in diesem Dokument, wonach die Täufer schon jetzt „die besten Lehen [d.h. Bauernhöfe] im Canton besitzen, welches schon Missgunst genug unter vielen guten Landbürgern“ verursache. Darum dürfe man ihnen nicht auch noch in der Frage des obligatorischen Militärdienstes entgegenkommen, sondern müsse den Grundsatz „Gleiche Rechte – gleiche Pflichten“ streng durchsetzen.

Eine hellsichtige Minderheit hatte in der Basler Regierung vergeblich nach alternativen Wegen des Umgangs mit den zugewanderten Täuferinnen und Täufern Ausschau halten wollen. Diese warnenden Stimmen sollten recht behalten in ihrer Prognose, dass bei der Durchsetzung eines harten Kurses in der Militärdienstfrage dieser „gegen sie verübte Zwang sehr leicht die Emigration dieser in unserem Canton sehr nützlichen und friedfertigen Classe von Leuten zur Folge haben könnte.“

Dass nationale und internationale Sicherheit auch anders – und vielleicht sogar nachhaltiger – als mit Waffen und „Militair“ angestrebt und erreicht werden kann, ist eine Einsicht, die sich leider erst lange nach 1805 und erst nach zwei grauenhaften Weltkriegen und zahlreichen anderen Blutbädern bei einer wachsenden Zahl von Menschen ganz langsam durchzusetzen beginnt.

In diesem Sinne möge der Bienenberg weiterhin ein Ort sein, wo aus dem Bedenken von Geschichte und Theologie deutlich bleibt: „Wir haben Christum nit also gelernet, dass wir sollen Argeß und Besseß dun denen, so uns leytz duont, suonder wir sellen ihnen Guotz duon. Daß wend wir ouch tun, diewil wir leben.“